Ich brauche doch keinen Coach!

5 Gründe für die fehlende Bekenntnis zu einem Problem und ein Plädoyer für den Verwundbarkeits-Oscar

Es gibt Führungskräfte und Spitzenmanager, die haben ihren eigenen „Trainer“ (also Coach) und da scheint das inzwischen auch ganz legal. Für Spitzenleistungen braucht man eben auch einen Topcoach - einen ganz Großen also, am besten gleich den Teuersten. Aber geht es beim Coaching ausschließlich um Spitzenleistung? Eine 72jährige Dame äußerte jüngst in einem Seminar zur Persönlichkeitsentwicklung: „Ihr habt es so gut, dass ihr schon jetzt diese Angebote nutzen könnt.“ Was meint sie wohl damit? Sie selbst, die ein Jahr vor dem Ende des 2. Weltkriegs geboren wurde und deren Geschichte sich aus den Wunden der Nachkriegsjahre zusammenwebt und die heute noch an dieser Vergangenheitsbewältigung zu kämpfen hat, steht plötzlich vor jungen und ambitionierten Menschen, die Probleme mit ihrem Vorgesetzten haben und diese allein nicht (mehr) lösen wollen. Oder können.

Dabei ist damals wie heute das Eingestehen vermeintlicher Schwäche die große Hürde. 

 

Wieso eigentlich?

 

Hier eine höchst subjektive 5-Gründe-Aufzählung für die fehlende Bekenntnis zum Problem und ein Interview mit einer Führungskraft bei OTTO, die über diese Hürde galant drüber gehüpft ist. 

 

 

5 GUte Gründe

1. Es gibt keine Sorgen im Bacardi-Feeling-Big-Brother-Land

 

Im digitalen Zeitalter posten Menschen ihre Momente der Glückseligkeit (Urlaub, Kinder, Partys) und nicht die übermüdeten Gesichter am Morgen (nachdem das Kind mal wieder eine Nacht lang durchgebrüllt hat), die genervten Blicke in einem Feiertagsstau auf dem Weg in den Urlaub, den Ärger mit dem Vorgesetzten oder die Angst vor dem nächsten Mitarbeitergespräch. In der Online-Welt sind alle im Bacardi-Feeling-Sommer-Sonne-Dauerglück. Und weil jeder Trend auch einen Gegentrend hat, gibt es seit einigen Jahren auch die No-Make-Up-Selfies dazu. Auf der Suche nach ein bißchen Ehrlichkeit im Netz, erfreuen sich alle an den gestellten Fotos am Morgen danach. 

 

2. Wir trauen uns nicht mehr das Wort „Schwäche“ in den Mund zu nehmen

 

Als Personalentwicklerin wurde ich darauf trainiert, das Wort „Schwäche“ nicht mehr zu benutzen. In großen Unternehmen spricht man von „Entwicklungsfeldern“ und  „Potenzialen“. In Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche habe ich erlebt, wie sich Menschen abmühen Schwächen benennen zu können, die man ihnen auch als Stärken auslegen kann. Typische Beispiele dafür: Ehrgeiz und Perfektionismus.

 

3. Wir lernen schon in der Schule Stärke zu zeigen

 

Sicheres Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit: Wer dies bis zum Studium nicht verinnerlicht hat, ist selber Schuld. Ein guter Auftritt ist oft schon die halbe Miete. Egal wieviel Lampenfieber man in Wirklichkeit hat. Dabei ist der vermeintliche Sieg des Stärkeren eine Fehlinterpretation, die mit der Übersetzung des „Survival of the fittest“ zusammenhängt. Die Fitness bezieht sich hier keinesfalls nur auf die „Stärke“ sondern auf die Gesamtheit aller Eigenschaften, die ein Individuum ausmachen. 

 

4. Wir überzielen uns selbst

 

Es geht heutzutage nur noch um Performance und Ziele. Wohingegen es früher nur Probleme gab, wird heute alles in Ziele verpackt. Es herrscht eine Kultur der Zielomanie. Aber mit zu vielen Zielen, wird das Ziel auch zum Problem. Das nennen wir heute Burn-Out. Das ist sozusagen „die offizielle, gesellschaftlich anerkannte Erlaubnis, psychisch krank zu werden“ (vgl. Harramach & Prazak, 2014, Management absurd). 

 

5. Wir messen unsere Performance auch noch im privaten Bereich

 

Es geht schon lange nicht mehr nur um Kalorien und Körpergewicht. Heute werden Schlafstunden gemessen, Schritte gezählt, der Körperfettanteil verglichen. Aber auch der ökologische Fußabdruck, die gefahrenen Radkilometer, die Anzahl der europäischen Städte, die man gesehen hat, die Beischlaffrequenz, die Häufigkeit des Bio-Fleisch-Konsums pro Woche. Alles wird quantifizert und bewertet. Und schlimmstenfalls: veröffentlicht. Damit geht die Zielomanie vom beruflichen in den privaten Kontext über und es bleibt nur noch wenig Raum für Schwächen, Rückschläge und echte Tiefphasen des Lebens. 

 

Dabei sind es genau diese Wendepunkte, unsere persönlichen Verwundbarkeits-Oscars, die den Menschen zu dem formen, der ihn besonders und einzigartig macht. Wieso also nicht dem Schwäche-Stigma ein Ende bereiten und sich für die ratlosen Momente des Lebens professionelle Unterstützung holen?

Warum trotzdem?

Eine weibliche Führungskraft (36) bei OTTO, deren Namen ich auf ihren Wunsch hin nicht erwähne, hat sich professionelle Unterstützung geholt. In diesem Interview berichtet sie von ihren Coaching-Erfahrungen: 

 

Sie sind beruflich ziemlich erfolgreich. Was machen Sie gerade, für wen und warum? 

 

"Ich bin Zentraleinkäuferin und arbeite bei OTTO. 

Warum? OTTO ist der größte Online Händler nach Amazon. Ich kann meine Arbeit frei gestalten. Und es ist ein soziales Unternehmen mit tollen Entwicklungsmöglichkeiten."

 

Wie sind Sie zum Coaching gekommen?

 

"Meine Führungskraft hat mir den Coach empfohlen um gelassener mit Stress-Gesprächen umzugehen." 

 

Wie oft haben Sie sich getroffen? 

 

"5 Mal." 

 

Und was waren die Themen? 

 

"Stress-Gespräche, schwierige Gespräche, Alltagssituationen und wie ich gezielt völlig unterschiedliche Persönlichkeiten führen kann." 

 

Was war der größte Nutzen, den Sie daraus für sich ziehen konnten? 

 

"Mein Coach hat sehr viele Fragen gestellt und mich die meiste Zeit reden und selbst reflektieren lassen. Völlig wertfrei.

Er war Mentor bei Themen die ich sonst mit Keinem so frei besprechen konnte, das hätte ich sehr gerne auch zu Beginn meiner Karriere gebraucht. Partner und Freunde können da kaum unterstützen. Mit Kollegen ist es auch sehr schwer Probleme zu besprechen und sich im alltäglichen Leistungsdruck zu öffnen. Eine neutrale Person war der perfekte Ratgeber. Besonders wenn es um Führungsaufgaben geht. 

Das Thema wird an der Uni völlig vernachlässigt und im Job wird erwartet dass wir wissen, wie wir führen sollen und das ist gerade als junge Führungskraft ganz besonders mit älteren und sehr viel erfahrenen Mitarbeitern sehr schwer." 

 

Würden Sie dafür auch ihr eigenes Geld her geben also das Coaching auch privat in Anspruch nehmen? 

 

"Ja absolut. Hätte ich früher davon gewusst und das Geld gehabt auf alle Fälle." 

 

Und zum Schluss: Was glauben Sie warum das Thema Coaching in unserer Altersgruppe (30-40) noch nicht "angekommen" ist? 

 

"Viele wissen es einfach nicht. Und in einem Arbeitsumfeld in dem das nicht gefördert und als normal gesehen wird mag es Vielen auch einfach unangenehm sein. Es hat eine Konnotation von Schwäche und besonders unter jungen und unerfahrenen Kollegen ist es das vermeintliche Bekenntnis zu einem Problem bei dem wir professionelle Hilfe benötigen." 

 

 

Lieben Dank für Ihre Zeit und ganz viel Erfolg bei Ihren nächsten Schritten!


Kommentar schreiben

Kommentare: 0