Wie entscheidet man Unentscheidbares? - Prioritäten im Kids-Office

Über die Halbwertzeit einiger Nachrichten staunt man im digitalen Zeitalter nicht schlecht. Auch die Überschrift meines letzten Blog-Posts „Woran wollen Sie noch in 30 Jahren erinnert werden“ liest sich angesichts der Ausnahmesituation, in der sich Deutschland und die Welt befinden, fast als Häme. In 30 Jahren werden sich alle an diese Zeit zurück erinnern (allerdings nicht unbedingt mit einem Lächeln) und dann wird man fragen können: Wie haben Sie das damals erlebt? Was haben Sie gerade gemacht? Wie haben Sie die Krise bewältigt? 

Eine Situation, welche Städte, Länder und ganze Gesellschaften lahmlegt, war vor einigen Monaten noch undenkbar. Jetzt ist sie schon seit Wochen Realität. Realität ist auch das Dilemma, in denen Politik und Entscheidungsträger derzeit stehen. Im Zentrum steht immer wieder die schwierige Frage der Abwägung gesundheitlicher und wirtschaftlicher Interessen. Und auch wenn betont wird, dass die Gesundheit an erster Stelle steht, so ist das Drahtseil, auf dem man sich bei der Frage der Lockerung der derzeitigen Maßnahmen zur Einschränkung der Verbreitung des Virus bewegt, doch sehr dünn. Ein echtes Dilemma. In der Psychologie ist ein Dilemma per Definition ein Entscheidungskonflikt. Die besondere Prise bei einem Entscheidungskonflikt liegt in dem Anspruch zwei Dinge gleichzeitig zu schaffen, die eigentlich nicht miteinander vereinbar sind. Es geht also um eine Priorisierung. Die Psychologin Dr. Julika Zwack („Wege aus beruflichen Zwickmühlen“) hat sich mit Fragen, die man nicht beantworten, sondern nur entscheiden kann, näher befasst. Sie betont: „Es gibt keine echte Lösung im Dilemma – nur einen mehr oder weniger bewusst eingenommenen Standpunkt“. 

Persönliche Dilemmata kennt JedeR und auch gesellschaftliche und persönliche Spannungszustände sind nichts Neues. Und doch hat die aktuelle Situation eine neue Qualität. Die Zutaten einer Work-Life-Dycbalance stecken schon in den Worten „Home“ und „Office“. Für Familien ist das Homeoffice ohne Kita und Schule eher ein „Kids-Office“. Und damit der tägliche Kampf zwischen Kids und Office. 

Wenn zwei arbeitende Elternteile da sind, überträgt sich das auf die Aushandlung der Situation: Wer hat wann die Kids und darf wann ins „Office“? Bei einem Zwei-Schicht-System (6-13Uhr und 13-21Uhr), hat am Ende JedeR einen 16h-Tag und nach wenigen Wochen nicht mehr alle Tassen im Schrank. 

Der Abschied vom perfekten Porzellan

Noch sind alle Tassen im Schrank. (Photo by Emre Can on Pexels)
Noch sind alle Tassen im Schrank. (Photo by Emre Can on Pexels)

Stärker könnten die beiden Protagonisten (oder sind es doch Antagonisten?) „aufmerksames Elternteil“ und „Mitarbeiter des Monats“ nicht aufeinanderprallen. Ein Leben, dass sonst meist ganz gut funktioniert, weil die beiden Teile (Work & Life) eben nicht zu stark miteinander verschmelzen. Doch aktuell rennen bei der moderierten Online-Podiumsdiskussion im Hintergrund zwei, mit Edding beschmierte, Post-It-Piraten durch den Bildschirm („Wo zum Himmel ist nochmal die Mute-Taste?“).

PsychologInnen raten jetzt zur bewussten Selbststeuerung: Struktur, klare Abläufe und Verantwortlichkeiten. Diese Rechnung funktioniert aber nur ohne Kinder. Ich gebe an dieser Stelle ab an Jesper Juul und Katia Saalfrank. 

Für Ihr persönliches Dilemma bleibt vorerst nur, Ihr Ideal der objektiv richtigen Entscheidung zu begraben, und sich auf die Suche nach Ihrem persönlich stimmigen Standpunkt zu begeben. Wenn richtig und falsch keine guten Kriterien sind, welche Kriterien sind es dann? Was ist Ihnen persönlich wichtig und wertvoll genug, um es verantworten zu wollen? Auch eine mathematische Herangehensweise kann helfen: Welchen Preis wollen Sie nicht zahlen? Die Erkenntnis, dass die Entscheidung nicht ohne "Kosten" zu haben ist, hilft ungemein bei der Priorisierung. 

 

Mehr dazu bei Dr. Julika Zwack: Entscheiden im Dilemma - was bleibt, wenn nichts geht